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Persönliche Geschichten

18.02.2022

Über 30 Jahre Pflege – und ich bin immer noch dabei

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Was hat sich verändert – damals vs. heute?

Wir sprechen mit
Anette Haupeltshofer, Stationsleitung Station 42, medius KLINIK KIRCHEIM

Liebe Frau Haupeltshofer, Sie sind nun bereits seit 32 Jahren in der Pflege tätig. Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
Durch die Krebserkrankung meines Bruders habe ich gemerkt, wie wertvoll und sinnbringend dieser Beruf ist. Allerdings wollte ich bereits als Jugendliche diesen Beruf ausüben – ich konnte mir in der Tat keinen anderen Beruf vorstellen. Die Vielseitigkeit des Berufs und die Flexibilität der Arbeitszeiten waren für mich genauso attraktiv wie die Karrierechancen, die man bspw. durch ein berufsbegleitendes Studium hat.

Wie haben Sie damals Ihre Ausbildung erlebt?
Meine Ausbildung habe ich in Heidenheim absolviert. Zunächst war die Zulassung zur Ausbildung sehr erschwert. Denn dort gab es fast 400 Bewerbungen auf 30 Ausbildungsplätze. Davor hatte ich mich in einem Umkreis von 100 km um Giengen beworben und ausschließlich Absagen erhalten. Erst im Jahr darauf erhielt ich eine Zusage zur Ausbildung.
Um das Jahr bis zum Beginn der Ausbildung zu überbrücken, habe ich ein Pflegepraktikum in einem Pflegeheim absolviert. Dadurch bekam ich bereits einen kleinen Einblick in die Pflege und ein bisschen Erfahrung.
Jedoch wurde ich in der Ausbildung sehr oft allein gelassen. Schon im Mittelkurs musste ich im späten Spätdienst arbeiten. Praxisanleitungen gab es noch nicht. Man arbeitete 12 Tage am Stück, begann mit einer Woche Spätdienst, worauf sich der Wochenenddienst und eine Woche Frühdienst anschlossen. Auch Wunschdienste gab es nicht. In den zu leistenden Nachtdiensten war man für mehr als 40 Patienten verantwortlich, was einen dann doch immer wieder an seine Grenzen brachte.

Was macht die Pflege in Ihren Augen so besonders?
Wir begleiten Menschen in Ausnahmesituationen und können für sie und ihre Angehörigen vieles leichter machen. Wir dürfen sie auf ihrem schwierigen Weg begleiten und einfach für sie da sein.
Die Zusammenarbeit mit den vielen verschiedenen Berufsgruppen ist für mich eine positive Herausforderung. Aber auch die Vielseitigkeit, die Mischung von körperlicher und psychischer Herausforderung sowie das Arbeiten im Team machen für mich den Beruf zu etwas ganz Besonderem.

Was macht eine gute Pflegekraft aus? Was ist für Sie gute Pflege?
Wichtig ist für mich ganz besonders das Eingehen auf den Patienten und seine Bedürfnisse sowie wertschätzende und gute Kommunikation.
Ich versuche, mich in die Situation des Patienten hineinzuversetzen und pflege, wie ich selbst gepflegt werden möchte. Leider kann ich nicht jeden Patienten an jedem Tag zu 100% glücklich machen. Aber ich kann ihm erklären, warum etwas nicht möglich ist. Und dann kann ich versuchen, mit ihm einen Kompromiss zu finden, mit dem er schließlich auch zufrieden ist.

Wie bewerten Sie den Pflegedienst im Zusammenspiel mit den ärztlichen Berufen?
Pauschal kann ich hierzu keine Angabe machen. Aber ich persönlich empfinde das Zusammenspiel in der Regel als sehr positiv und harmonisch.

Wie haben Sie die Entwicklung der medius KLINIKEN erlebt? 
Ich glaube, ich habe die Klinik nie ohne Baustelle erlebt :)
Die Klinikleitung war immer bemüht, die Pflege bei jedem Schritt mit einzubeziehen.
Natürlich kann auch ich nicht jede Entscheidung und Veränderung nachvollziehen und für gut heißen. Aber letzten Endes wurden sehr viele richtige Entscheidungen getroffen. Und im Vergleich zu anderen Krankenhäusern stehen wir finanziell und personell insgesamt gut da.

Was hat sich in den Jahren grundlegend geändert?
Der Arbeitsalltag ist definitiv sehr viel schnelllebiger geworden. Ein kleines Beispiel zur Erläuterung: Ein Patient mit Herzinfarkt lag in meiner Ausbildungszeit 6 Wochen auf Station. Heutzutage haben wir eine mittlere Verweildauer von ca. 5-6 Tagen. Früher kannte man seine Patienten und konnte sich auf sie einstellen. Heute kann man nur eine relativ kurze Bindung aufbauen.
Positiv erwähnen muss ich, dass wir mittlerweile durch viele Hilfskräfte unterstützt werden. So haben wir bspw. Servicekräfte für die Lagerbestellungen und Menüassistentinnen für die Essensbestellung. So bleibt uns mehr Zeit für die eigentliche Patientenversorgung.
Die Dokumentationspflicht hat im Laufe der Jahre verständlicherweise stark zugenommen. Auf der einen Seite haben die Digitalisierung und die Einführung von Standards und Checklisten einiges vereinfacht. Auf der anderen Seite gibt es aber leider immer wieder Kämpfe mit der Hardware und langsamen Systemen.

Hand aufs Herz: Gab es Momente, in denen Sie überlegt haben, den Beruf zu wechseln?
Ja, mehrfach. Einmal direkt nach meinem Bandscheibenvorfall. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, in der Pflege zu arbeiten, da ich das Vertrauen in meinen Körper verloren hatte.
Und große Umstrukturierungen innerhalb der Kliniken haben es mir hin und wieder nicht immer einfach gemacht. Da kam schon ab und zu der Gedanke ans Aufhören auf.
Allerdings gab es für mich nie eine berufliche Alternative.

Können Sie sich an ein ganz besonders schönes Erlebnis erinnern, das Ihnen für immer in Erinnerung bleiben wird?
Wir hatten in Kirchheim einmal einen 30-jährigen, fast 300 kg schweren Patienten. Dieser war ans Bett gefesselt und komplett abhängig von unserer Hilfe. Er wurde über 9 Monate in unserer Klinik gepflegt. Es war eine Teamleistung des gesamten Hauses. Nicht nur der Pflege- und ärztliche Dienst kam hierbei oft an seine Grenzen, sondern auch die Hausmeister, der Soziale Dienst, etc. Während den 9 Monaten hat der Patient 90 kg abgenommen, sodass er die Klinik auf eigenen Beinen verlassen konnte. Das war wirklich ein Wunder. Er hat uns anschließend immer wieder Karten geschrieben und war sehr dankbar.

Was motiviert Sie, auch in den nächsten Jahren noch in der Pflege zu arbeiten?
Das Wissen, gebraucht zu werden und die Hoffnung, etwas bewegen zu können, damit auch die nächsten Generationen eine Chance auf eine gute medizinische und pflegerische Versorgung bekommen.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste für die Zukunft der Pflegeberufe?
Dass es Menschen gibt, die diesen Beruf nicht einfach "als Job" sondern als Berufung sehen. Wir brauchen Pflegekräfte, die diesen Beruf aus Überzeugung wählen. 
Wichtig wäre es auch, dass die Gesellschaft diesen Beruf anerkennt und wertschätzt – auch über eine Krisensituation hinaus. In einer Gesellschaft, in der Autos oft mehr Wert haben als Sicherheit, Gesundheit und Erziehung kann man nur hoffen, dass die Politik aufwacht und unseren Beruf deutlich aufwertet, sowohl monetär als auch qualitativ. 

Wenn Sie wählen könnten, würden Sie den Beruf wieder ergreifen?
Jederzeit. Ich mag die Abwechslung und die Herausforderung, dass kein Tag wie der andere ist. Ich arbeite allerdings als Stationsleitung nicht zu 100% in der Pflege. Mir gefällt die Freiheit, selbst ein wenig entscheiden zu dürfen, wie ich meinen Tag gestalte. Die Mischung aus Pflege, Verantwortung und Teamleitung mag ich.

 

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Das Interview führte Salome Johnson, Kommunikation u. Strategie, medius KLINIKEN

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